
Die schwere Nebeldecke lässt den Himmel verschwinden. Immer stärker werdende Regentropfen klopfen an das Fenster. Sie wird wach. Ein letztes Mal in diesem Zimmer. Ein letztes Mal in dieser Stadt. Sie möchte noch so viel sehen. Träume schleichen sich wieder in ihren Kopf ein. Wie wäre es wohl? Hier leben. Ein Teil zu sein. Ein Teil von den Menschen, der Stadt, dem Hafen, dem Wasser. Ein Teil dieser Ruhe und Leichtigkeit.
Wer es nicht selbst erlebt kennt es nicht: dieses Gefühl genau an diesem Ort zu sein und diese Menschen gesehen zu haben. Ihre Tagträumereien machen sie glücklich. Doch der permanente Geruch der Vergänglichkeit füllt den Raum immer mehr. Langsam erhebt sie sich vom Bett und sieht die kahlen Wände und leeren Holzvitrinen und Schränke. Es wird ihr wieder bewusst. Hier hat sie kein Leben. Heute geht es nach Hause. Die aufregende Stadt verlassen.
Sie möchte den Tag nützen und von der Stadt genutzt werden. Möchte noch ein letztes Mal dazugehören. Oder zumindest so tun als ob. Möchte den Menschen dieser Stadt noch ein letztes Mal ein Lächeln mit auf dem Weg geben. "Vergesst mich nicht, ich komme bestimmt wieder, um hier zu leben und eine von euch zu sein", denkt sie sich während sie lächelt. Sie ist hungrig nach Bildern. Doch der Tag ist durchgeplant. Die letzten Sehenswürdigkeiten müssen noch gesichtet werden. Ein Kaffee für den Weg. Den Weg zurück in die Stadt der Erinnerungen.
Die Nebeldecke hat den ganzen Tag über nicht abgenommen. Der Regen, der sie aufgeweckt hat heute Früh, hört nicht auf zu tröpfeln. Sie nimmt die U-Bahn und spürt schon ein Gefühl der Vertrautheit. Ein Gefühl der Erinnerungen in dieser Stadt. Kleine Erinnerungen. Aber trotzdem viel wert und so selten. Ein Mal noch Umseigen in den Bus, der sie schlussendlich zum Flughafen bringt. Aus dem dreckigen Bus-Fenster versucht sie Eindrücke zu sammeln und dieses Gefühl der Ruhe bewusst zu erleben. Sie weiß, dass sie es verlieren wird.
Nervosität macht sich breit. Sie sucht ihren Sitzplatz. Die letzte Reihe. Mittlerweile ist es Nacht geworden. Beim Abheben sieht sie goldene Lichter, wie sie immer kleiner werden. Das war es also. Das Stückchen Gold unter ihr war also Hamburg. Die Hanse-Stadt. Die Stadt am Hafen. Die Stadt an der Elbe. Hat sie alles gesehen? Ein Gefühl verpasst? "Bitte anschnallen" ertönt aus den Flugzeug-Lautsprechern. In einer Stunde ist es vorbei. Dieses Gefühl. Die Ruhe. In einer Stunde ist sie zu Hause. Weit weg vom Wasser. Vom Norden in den Süden. Sie ist fremdgegangen. Jetzt muss sie sich zu Hause wieder einfinden. Einfinden, in ihrer Stadt mit allen Erinnerungen. Sie spürt wie das Gefühl von heute Morgen langsam in ihr verschwindet.

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